12. März 2010

Märtplatz – Ausbildungskonzept

Posted in Berufsausbildung um 20:17 von bpblogphtg

Die Stiftung  Märtplatz in Rorbas-Freienstein, 1985 von Jürg Jegge (Pädagoge, Schriftsteller, Liedermacher) und Lorenz Bossard gegründet, ist eine Ausbildungsstätte für junge Erwachsene „mit Startschwierigkeiten“. Die Stiftung bietet derzeit 27 jungen Menschen mit psychischen und/oder sozialen Schwierigkeiten unterschiedliche Möglichkeiten, einen Lehrabschluss zu erlangen: in Form einer 2 jährigen Anlehre, oder wo möglich, einer Attestlehre, nach welcher die Berufsschule besucht werden kann, in Form einer Volllehre oder einer Ausbildung nach eigenen Konzepten (nach Artikel 32 des BBG), wie z.B. die Theaterausbildung oder die Theatertechnik. Darüber hinaus bietet der Märtplatz auch eine sogenannte Berufsfindungszeit an. Derzeit können zehn verschiedene Berufe am Märtplatz in sehr unterschiedlichen Bereichen (Schneiderei, Küche, Töpferei, Foto- Medien- und Theaterwerkstatt, Journalismus) erlernt werden:. Dabei arbeitet die Institution eng mit anderen Ausbildungsstätten zusammen, um den jungen Menschen noch mehr Möglichkeiten zu bieten, zu einem anerkannten Abschluss zu gelangen. Beispielsweise hat ein junger Mensch, der eine Keramikanlehre und ein Jahr Vorbereitungszeit am Märtplatz absolviert hat die Chance, die Schule für Gestaltung in Bern zu besuchen und die Bildhauer Lehrprüfung zu absolvieren.

Das Besondere an der Berufsausbildung am Märtplatz im Gegensatz zu „normalen“ Lehrbetrieben in unserem dualen Berufsbildungssystem ist, dass die Berufslehren individuell auf die jungen Menschen, die eine Ausbildung am Märtplatz machen, zugeschnitten wird. Es wird darauf eingegangen, was wer braucht und versucht, den Bedürfnissen der jungen Menschen gerecht zu werden. Dabei kümmert sich im Schnitt ein/e LehrmeisterIn möglichst umfassen um je zwei Lehrlinge (was eine weitere Besonderheit zu „normalen“ Lehrbetrieben darstellt). Am Märtplatz werden sogar neue Berufe für die Auszubildenden „erfunden“, wofür das Instrument der Anlehre sehr viel Spielraum lässt, so Jürg Jegge. Ein weiterer Unterschied zu „normalen“ Lehrbetrieben ist, dass der Märtplatz nicht nur Ort der Ausbildung, sondern auch Ort des Wohnens und Lebens ist: der Märtplatz mietet für seine Lehrlinge kleine Wohnungen im weiteren Umfeld an, die von den jungen Menschen selbstständig bewohnt werden. Neben der Lehre bietet der Märtplatz ihnen auch die Möglichkeit, (kulturelle) Veranstaltungen zu besuchen und Kurse in verschiedensten Bereichen zu belegen. So werden am Märtplatz Abende veranstaltet, an denen sich die KünstlerInnen oder Ensembles nach ihrem Bühnenauftritt sogar unter das Märtplatz-Publikum mischen, es gibt Abende mit Darbietungen im eher kleineren Rahmen – zum Beispiel eine Lesung oder wenn Einzelkünstler auftreten, die ohne Bühne auskommen -, es werden unter der Leitung von Fachleuten Kurse angeboten, bei denen zum Beispiel Theater gespielt, ein Hörspiel geschrieben und aufgenommen wird, Möbel restauriert werden, Weine studiert und degustiert oder Würste gemacht werden, gezaubert wird, Schlitten gebaut werden und vieles mehr. Der Märtplatz ist für mich dadurch in erster Linie Lebensraum!

Doch es ist nicht so idyllisch, wie es aussieht, so Jürg Jegge: da die meisten Lehrlinge derzeit aufgrund psychischer Schwierigkeiten zum Märtplatz kommen, entstehen hier auch große Herausforderungen für die Lehrkräfte: die Lehrlinge müssen in das Leben eingegliedert werden. Die brauchen motivationale Unterstützung, benötigen teilweise Einzelunterricht, da sie in der Schule nicht klar kommen, müssen lernen, sich an Regeln anzupassen (keine Gewalt, keine Drogen während der Arbeit in den Werkstätten). Dies fordert von den Lehrkräften nicht nur die Rolle der Ausbilder, der Lehrkräfte einzunehmen, sondern ebenso bei Problemen den Lehrlingen zur Seite zu stehen, sie intensiv zu unterstützen und ihnen immer wieder Möglichkeiten bieten, eine Ausbildung zu absolvieren, die individuell auf sie zugeschnitten ist. Es ist nicht nur Lehrarbeit, sondern auch Eingliederungsarbeit, die, so meine ich, unheimlich viel „Menschlichkeit“ verlangt. Dass diese Umstände die Lehrmeisterinnen manchmal an den Rand ihres Repertoires bringt, ist dabei nur verständlich. Aus diesem Grund findet am Märtplatz regelmäßig ein Gedankenaustausch mit fachlich geschulten Personen (PsychotherapeutInnen, SozialarbeiterInnen) statt, bei dem die aktuellen „Problemfälle“ mit den LehrmeisterInnen besprochen, und Lösungen gesucht werden.

Das Konzept der Institution Märtplatz empfinde ich persönlich als sehr beispielhaft. Ich bin der Meinung, dass jede/r in unserer Gesellschaft es verdient hat, einen Platz in ihr einzunehmen. Es ist sehr beeindruckend einmal zu sehen, dass dies auch wirklich umgesetzt wird: und zwar am Märtplatz. Dies imponiert und fasziniert mich sehr und hat meiner Meinung nach volle Anerkennung verdient!

(zu anderen Blogs über den Märtplatz: Links1,Link2)

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